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Ich verstehe „Kunst“ als einen Prozess, als ganzheitlich und nicht an eine Disziplin gebunden. Der Prozess kann stoppen, die Richtung kann sich wenden, Schritte vor und zurück, zur Seite oder rasant nach vorn. Kunst ist nicht isoliert zu sehen vom Alltag, vom Leben.

Überall im Leben ist Kunst im Sinne von Parallelwelt neben dem Offensichtlichen. Der Künstler ist in erster Linie Beobachter, Wahrnehmender, Spürender. Diese Sinne zu schulen ist die eigentliche Aufgabe der persönlichen künstlerischen Bildung und auch das, was man lehren und üben kann. Das Ausdrucksmittel kann im Laufe der persönlichen Entwicklung wechseln, nicht mehr genügen, als Medium nicht mehr funktionieren.

Versuch und Experiment gehören zur Entwicklung dazu, sind als Selbstzweck jedoch wenig nützlich, weil nicht zentriert und unverbindlich. Verbindlichkeit und Ernsthaftigkeit in Kombination mit Spiel und Offenheit ist die Kunst der Kunst. Kunst ist immer aktiv. Sie nimmt Bezug auf die sichtbare und gefühlte Welt und stellt sich damit vor den Betrachter. Die künstlerische Interaktion kann sich politisch äußern oder „privat“, immer jedoch ist sie auf beiden Seiten emotional.

Künstlerische Techniken kann man üben, lernen und lehren. Das geht relativ schnell und ist Handwerk. Gute Technik und sichere Werkzeugführung – ob Pinsel oder Meißel – sind unabdingbar als Träger der Kommunikation. Ich kann noch so wichtige Botschaften haben, wenn ich keine Sprache finde, die der Rest der Menschheit nachvollziehen kann, bleibe ich ungehört. Kunst bleibt oft stecken in ihren Botschaften. Nicht, weil sie nicht verständlich ausgedrückt werden, sondern weil sie die Qualität von „Dönekes“ haben. Wer gerne vorgelesen bekommt, dem mag dies gerade recht sein.

Wer von der Kunst das Sehen lernen will, ist hier an der falschen Adresse. Ich denke, dass wir Künstler so was wie Medien sind, die Dank einer Gabe oder fleißigen Trainings eine nicht mainstreammäßige Wahrnehmung haben und nun auf allen Ebenen zulängliche Transportmittel für unsere Mitteilungen suchen. Ich persönlich komme immer mehr zu der Sicht, dass nur das Herangehen auf allen mir zur Verfügung stehenden Ebenen dem vielleicht gerecht werden kann.

Fast 30 Jahre habe ich mich an der Steinbildhauerei festgehalten und war der Ansicht, mit diesem mir handwerklich „im Schlaf“ geläufigen Mittel alles sagen und darstellen zu können. Das beruhigend und beflügelt einen wie selbstverständlich ablaufenden Herstellungsprozeß von Arbeiten. Quasi auf Abruf folgt die Umsetzung. Natürlich gibt es auch dabei Schaffenskrisen, Versuchsanordnungen und Variationen, im Großen und Ganzen jedoch bewegte ich mich auf sicherem Terrain.

Seit über 50 Jahren mache ich Musik, von der tapferen Klavierschülerin zur Jazzmusikerin. Verschiedene Instrumente mit unterschiedlicher Leidenschaft.

Seit über 40 Jahren schreibe ich. Mal zur Veröffentlichung, mal nicht.

Seit über 25 Jahren habe ich einen pädagogischen Beruf, in dem ich immer wider für einen Zeitraum und aktuell seit 9 Jahren arbeite. Neben der Kunst.

Neben der Kunst?

Nein, das ist genau die Schnittstelle, die meine Selbstdefinition ausmacht: Kunst kann eben nicht „neben“ und Kunst geht nicht „nur“.

Ich KANN keine „reine“ Kunst machen, einen „geregelten“ Job und ein „Privatleben“. Alles ist miteinander verbunden, beeinflusst sich gegenseitig und verändert ständig alles. Wenn ich versuche, Kindern das Sehen beizubringen, bedeutet das für meine eigene Kunst möglicherweise einen neuen Impuls, weil ich aus der Sicht der Kinder schaue und spüre, wie eine Kunst aussehen müsste, die zu ihnen spricht.

Wenn ich im Rahmen einer Kunstaktion auf der Strasse die Sprüche und Reaktionen der Passanten höre, wechsle ich die Seiten und versuche, deren Sicht zu verstehen und meine künstlerisch verständliche Antwort darauf zu finden.

Wenn ich mich darüber aufrege, wie wenig die Menschen wahrnehmen, wie wenig sie hinschauen und wie stumpf oft ihre Sinne sind, hüpfen die Affen in meinem Geist blitzschnell von Ast zu Ast, um ein Mittel zu finden, die Wahrnehmungsfähigkeit zu mobilisieren und sinnfällig zu machen. Im Zweifelsfall versperre ich einfach mal einen Weg, um diese Passage unmöglich und damit wahrgenommen zu machen.

Wenn ich Musik mache, gibt es die brave Aufführung und die braven Zuhörer. Es gibt aber auch die völlig unintellektuellen, anarchischen Rhythmen meiner Taiko.

Wenn ich mit Menschen rede, versuche ich, mein „Ich“ nicht zum Maß der Dinge zu machen. Nicht soviel werten, urteilen, „wichtig sein“. In die Welt und Wahrnehmung des Gegenübers schauen und es wert schätzen.

Wenn ich in der Natur bin, bin ich kein „Herrscherwesen“. Alles ist gleich wert, ich nicht mehr oder weniger als ein Grashalm oder eine Mücke. Ich greife nicht ein und ich greife nicht an.

Für meine künstlerische Tätigkeit bedeutet dies, dass ich die Monopolstellung der Steinbildhauerei aufgegeben habe zu Gunsten einer Offenheit für ganz unterschiedliche Medien. Auch Text und Musik, Performances und Hörinstallationen spielen eine Rolle. Mein Konzept der „temporären Räume“ entspringt daraus und letztlich sogar mein Vorgehen und Verhalten beim unterrichten von Kunst, Musik und Bildhauerei.

Die Kunst ist mit eines der letzten Refugien geistiger Freiheit. Warum sollten ausgerechnet wir Künstler sie beschneiden, indem wir uns „Disziplinen“ wie Malerei, Grafik, Bildhauerei usw. suchen? Wobei schon das Wort Disziplin von lat. Disciplina = Lehre, Zucht, Schule der Idee Hohn spricht! Ich plädiere für die Idee einer „Lebenskunst“, die sich allerdings nicht im landläufigen Sinne im Spannungsfeld zwischen Bohème und Askese abspielt, sondern, wie beschrieben, nicht trennt zwischen der „Künstlerin“, Mensch, Kunstform und Lebensführung.

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